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Überleben in der Wildnis

21 Tage in der Wildnis

Skills for life award in Schottland

Um heutzutage auf dem Arbeitsmarkt punkten zu können, braucht man viele Qualifikationen. Doch das Wichtigste ist, aus der Masse hervorzustechen. Dies zu erreichen und außerdem noch diverse wichtige Fähigkeiten wie Teamwork, Selbstvertrauen, Organisation und Kommunikation in einem Überlebenscamp zu verbessern, verspricht die Organisation Outwardbound Trust“. Hat man überlebt, bekommt man den sogenannten Skills für Live Award verliehen. Wie genau ich die 21 Tage des Camps in der Wildnis von Schottland wahrgenommen habe, möchte ich hier berichten.

Bridging, bonding, comfort zone – Was man an Theorie so wissen muss

Nach einer zehnstündigen Reise mit Flugzeug und im Reisebus kam ich endlich im Zentrum von Glasgow an. Ich habe bereits die Möglichkeit gehabt, erste Freundschaften zu schließen und mich mit den anderen zu unterhalten. Im Scott Room, dem großen Versammlungsraum in dem schlossähnlichen Gebäude, begrüßte uns Lisa. Sie ist die Kursleiterin und wird uns in den nächsten Wochen gemeinsam mit unseren Betreuern („Instructor“ genannt) auf unserer Reise begleiten. Jeden Morgen wird sie uns einen kurzen Vortrag halten, um uns zu erklären, warum wir was machen, wird uns aufklären über bridging und bonding, über den emotional bank account, über all die Dinge, die wir in den nächsten 21 Tagen lernen sollen. Doch jetzt wies sie uns nur darauf hin, dass wir aus unserer comfort zone in unsere stretch zone gebracht werden sollen, denn nur hier könnten wir erkennen, wofür wir gemacht sind und was unsere Grenzen sind.

Der „Alltag“ im Überlebenscamp

Kurz darauf werden wir in Gruppen mit jeweils 14 Jugendlichen eingeteilt. Das tolle jedoch war, dass die Gruppen international total gemischt waren. So fand ich mich neben Jungen aus Hong Kong, Abu Dhabi und dem Sudan oder Mädchen aus Belgien, den Niederlanden oder der Schweiz wieder. Dies waren also die neun Jungen und vier Mädchen, mit denen ich die nächsten Wochen meine Grenzen entdecken und verschiedensten Dinge lernen sollte. Glücklicherweise waren die ersten Tage dazu gedacht, die eigene Gruppe kennenzulernen. Auch 1 to 1´s, also Gespräche mit einem instructor, die dazu dienten, persönliche Stärken und Schwächen zu analysieren und seine Ziele für den Kurs festzulegen, standen auf dem Programm. Doch hauptsächlich ging es darum, gemeinsam Ausflüge zu unternehmen, die das Teamwork fördern sollten. Beispielsweise starteten wir an Tag 2 mit jog and dip, was bedeutet, dass die gesamte Gruppe durch den Wald joggt und danach in den Loch (Anm. d. Red.: Ausläufer des Meeres in das Land hinein) hüpft. Hier musste man auf andere Rücksicht nehmen und ihnen helfen. Genauso wie das Gorge walking, bei dem wir ausgerüstet mit Neoprenanzügen, Helmen, Schwimmwesten und anderem einen reißenden Gebirgsfluss hochgeklettert sind.

Allerdings standen die ersten Tage auch im Zeichen der Vorbereitung für unsere erste Expedition. Zwei sollte es insgesamt davon geben, jeweils vier Tage und drei Nächte auf Wanderung. Doch bevor wir in die erste starten konnten, mussten wir erst einmal ein paar Dinge lernen. Beispielsweise Feuermachen, Navigation, Zeltaufbau o. Ä. Daher verbrachten wir einen Tag genau damit, und lernten, wie wir mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen, fernab der Zivilisation zu überleben. Interessant war auch, dass bei einer Expedition immer ein Tag für Wassersport eingeplant war. Das heißt, dass auf unserer Route eine Wasserfläche liegen musste, die wir dann mit Kanus und Kajaks überqueren konnten. Auch das mussten wir lernen: Wohin kommt das Gepäck? Wie lädt man den Trailer ein und aus? Was ist die beste Paddeltechnik? Wie navigiert man? Worauf muss man achten? Das alles waren Fragen, die beantwortet werden mussten, weswegen ein weiterer Tag (Nummer 4) unter dem Motto Wassersport stand.

Endlich geht es los: Die erste Expedition

Schließlich, nach mehreren Tagen Vorbereitung und dem nervenaufreibenden Packen der 18kg schweren Rucksäcke, ging es endlich los – unsere erste Expedition!

Weit hinein in die schottische Pampa sollte es gehen. Wir starteten mit einem kurzen Marsch am  Loch entlang, woraufhin es galt, ein Tal zu durchqueren, um schließlich auf eine Hochebene zu gelangen. Dort bauten wir an einem kleinen Fluss unser Camp auf. Nach einer kurzen Nacht und einem leckeren (Pulver-)Frühstück ging es los. Zwei Munros (Anm. d. Red.: Berge über 914 m in Schottland ) sollten von uns bestiegen werden. Trotz des Hochnebels fanden wir den steinigen Weg nach oben. Um uns die Zeit ein wenig zu vertreiben, unterhielt ich mich mit einem Schotten über den Brexit. Dieser war erstaunlicherweise in der gleichen Schockstarre wie wir Deutschen und konnte kaum fassen, wofür sich sein Land entschieden hatte. Doch genauso unwahrscheinlich wie einen Rückzug der Politik hielt er die Möglichkeit, dass sich Schottland vom Vereinigten Königreich abspalten könnte, um dann selber in die EU einzutreten. In unser Gespräch vertieft, das vielleicht nicht sehr politisch korrekt war, doch dafür umso interessanter, erreichten wir schließlich den Gipfel. Unter uns erstreckte sich Loch Lochy und wir hatten einen fantastischen Ausblick über die wunderbare schottische Landschaft. Nach einem kurzen Mittagessen hieß es wieder hinab auf die Hochebene zu steigen, wo uns ein Teil der Gruppe verließ und wir nun die Möglichkeit hatten, den anderen Berg ohne Gepäck im Laufschritt zu ersteigen. Oben angekommen, machten wir ein Foto auf dem charakteristischen Steinhaufen, der jeden Gipfel markiert. Denn anstatt ein Kreuz aufzustellen, ist es hier üblich, dass jeder Wanderer einen Stein auf dem Gipfel ablegt.

Zwei Tage später fanden wir uns nach einem weiteren anstrengenden Tag Wanderung und einer kräftezehrenden Kanufahrt im Center wieder. Neun Tage waren wir nun schon fernab unserer Heimat unterwegs, ich hatte verschiedenste Menschen kennengelernt und mir Fähigkeiten angeeignet. Doch nach einer kurzen Verschnaufpause von nur einem Tag, der eigentlich nur dem Auspacken der Rucksäcke und der Analyse der Expedition diente, begannen die sog. Adventure Days, also Tage, die wir vollständig mit abenteuerreichen Dingen verbringen sollten. Wir entschlossen uns dazu, einen Tag an das Meer zu fahren, um eine ganz besondere Kajakfahrt zu unternehmen. Denn eskortiert von vielen Robben durften wir uns eine eigene Insel aussuchen, auf der wir Mittagspause machen wollten. Insbesondere für mich, der ich das Meer vorher erst einmal gesehen hatte, war dies einer der faszinierendsten Momente während des ganzen Kurses. Doch am nächsten Tag sollte dies noch getoppt werden, denn wir machten uns auf, um noch einen weiteren George-walk zu unternehmen. Inmitten der unberührten schottischen Natur sprangen wir in einer dem Dschungel ähnlichen Landschaft in Wasserbecken und erkundeten die „Wildnis“.

Hier finden die Überlebenscamps statt: Loch Eil in Schottland

Absolute Ruhe am „Solo-day“

Wenigstens ein Tag, der der Entspannung dienen sollte, wurde uns zugestanden: der „Solo Day“. Ein Tag allein in einem festgelegten Gebiet. Ausgerüstet mit nur einer Plane, vier Heringen und vier Seilen, um uns einen Unterschlupf zu bauen und einer Kartoffel, einer Karotte, einer Paprika, einer Zwiebel und einer Handvoll Pilze, um uns ein Mahl zu kreieren. Letztendlich haben die meisten den Tag damit verbracht, zu schlafen, um die Anstrengungen der letzten Tage abzubauen, und nur kurz ihr Leben reflektiert, was der eigentliche Grund für den Tag in der Freiheit war. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass ein Tag ohne mit anderen zu reden einem tatsächlich bewusstmacht, in was für einer rastlosen Gesellschaft wir leben.  Doch frisch ausgeruht, wie wir dann alle waren, konnten wir am nächsten Tag in unserer Siebenergruppe eine grandiose zweite Expedition planen und erneut mit unserem instructor über unsere Ziele sprechen.

Allein in der Natur: Die zweite Expedition - ohne instructor

Früh ging es am nächsten Morgen los. Doch uns begrüßte nicht strahlender Sonnenschein, sondern Regenwolken verdunkelten den Himmel, um kurze Zeit später ihren Ballast loszuwerden. Doch nach dem Spruch „The bigger the challenge, the bigger the achievement“ wurden wir mitleidslos losgeschickt. Also machten wir uns auf den Weg, hinauf in die Berge, weg von der Zivilisation. Doch bereits am frühen Nachmittag erreichten wir unser Ziel für die nächste Nacht: Ein sog. „Buffy“ (Anm. d. Red.: Ein buffy ist eines der Häuser, die eine Gesellschaft in Schottland betreibt, um Wanderern und Obdachlosen für eine Nacht kostenlos ein Dach über dem Kopf zu bieten.). Nach einer Runde verschiedener Quizspiele im Schutz des Hauses beschlossen wir, früh schlafen zu gehen, um am nächsten Morgen bereits um vier Uhr aufbrechen zu können. Dies taten wir dann auch und machten uns schon vor dem Sonnenaufgang auf den Weg zu unserem übernächsten Ziel, einem Fluss, den wir hinunterfahren wollten. Bei strahlendem Sonnenschein kamen wir mittags an diesem Fluss an. Wir machten uns einen entspannten Nachmittag am Wasser, sodass selbst unsere Betreuerin, die uns am Abend besuchen sollte, vollkommen verwundert war, wie tiefenentspannt wir nach einer eigentlich so anstrengenden Expedition aussahen. Doch diese Ruhe wich bald von uns…

Denn am nächsten Tag hieß es nicht nur, einen reißenden Fluss hinabzufahren, was uns vier gekenterte Personen brachte. Nein, wir sollten auch noch gute 400 Höhenmeter zurücklegen, um auf eine Hochebene des Ben Nevis, den höchsten Berg im vereinigten Königreich, zu kommen. Dies gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn das Kajakfahren hatte einen von uns so viel Kraft gekostet, dass er kurz vor dem Erbrechen war und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Doch deswegen aufgeben wollte er auch nicht, was bedeutete, dass sein Rucksack abwechselnd durch andere getragen werden musste. Außerdem wehte dort oben so ein starker Wind, dass Gefahr bestand, alle paar Meter von dem schmalen Weg hinab geweht zu werden. Nur mit Mühe schafften wir es, auf dem Weg zu bleiben, und als wir schließlich unter unglaublichen Anstrengungen oben angekommen waren, fielen wir uns alle erleichtert in die Arme.

Endlich da - Rundblick über den Gipfel des Ben Nevis

Doch jetzt an ein Abendessen zu denken, war vollkommen unmöglich, denn wegen des starken Windes konnten wir kein Feuer entzünden und mussten hungrig schlafen gehen. Noch vor dem Frühstück ging es auch am nächsten Tag wieder los, denn wir sollten uns um 10 Uhr an einer knapp fünf Kilometer entfernten Stelle mit zwei Bergführern treffen, die uns bis kurz vor den Gipfel über einen Klettersteig begleiten sollten. Doch auch die gefährlichen Felshänge erklommen wir ohne größere Schäden. Oben angekommen, blickten wir über eine steinige Ebene, die ein wenig an den Mars erinnerte. Die Sicht betrug ungefähr dreißig Meter, was Navigieren fast unmöglich machte, aber dennoch fanden wir bald den Weg, der uns zum höchsten Punkt im ganzen vereinigten Königreich führen sollte. Nur durch gegenseitiges Anfeuern und gewaltige Kraftanstrengung schafften wir die letzten Meter hinauf. Oben angekommen, konnten wir dennoch nur kurz rasten und auch die Glücks- und Erfolgsgefühle währten nicht lange, denn schließlich mussten wir noch an demselben Tag unsere Zelte abbauen und zurück ins Tal gelangen. Vermutlich hat es jeder nur den anderen Gruppenmitgliedern zu verdanken, dass er es bis nach unten und in den Bus nach Hause (zum Camp) geschafft hat.

Ist es schon wieder vorbei?

Wirklich entspannt wurde es jedoch auch dort nicht, denn unter Zeitdruck verbrachten wir unseren letzten Tag mit dem Auspacken der Rucksäcke, dem Ausfüllen unzähliger Formulare, dem allseits beliebten Jog and dip und mit einer letzten Runde 1 to 1´s, sowie der Vorbereitung der Präsentation, die wir noch am selben Abend vor den Sponsoren und wichtigen Mitarbeitern des Outwardbound Trusts halten sollten. Dies war ein Abend, an dem man sehen konnte, was die anderen Gruppen gemacht haben, doch das beste war, nach 18 Tagen absoluter Minimalernährung aufgrund von fehlender Liebe zum Essen definitiv das üppige Buffet mit unzähligen Leckereien. Am nächsten Morgen ging es für mich leider schon um sechs Uhr zurück in die alte Heimat.

 

Muss das sein? Der Rückflug nach 21 Tagen in der Wildnis

Fazit: Eine unvergleichbar tolle Zeit

Abschließend lässt sich sagen, dass meine Zeit in Schottland unvergesslich war. Eine Zeit, in der ich nicht nur viele nette Menschen kennengelernt und unglaublich tolle Aktivitäten gemacht habe, sondern auch eine Zeit, die mich für mein ganzes Leben prägen wird. Eine Zeit, die mir gezeigt hat, was Teamwork ist, wie ich mich unter fremden Menschen zurechtfinde und was genau Gruppendynamik ist. Eine Zeit, in der ich Erfahrungen sammeln konnte, die ich mein Leben lang gebrauchen werde. Eine Zeit, in der ich einen Kurs besuchen konnte, der zu Recht den Namen Skills for Live Award trägt. Und mit Stolz kann ich nun mein Zertifikat anderen zeigen und den Kurs jedem weiterempfehlen, der etwas aus sich machen möchte und außerdem kein Problem hat, mal 19 Tage ganz anders zu leben als sonst.

Danke noch einmal den vielen Menschen, die dieses Erlebnis möglich gemacht haben. Eingeschlossen meine Eltern, der Outwardbound Trust und Herrn Franz!

Leopold Beer

Credits: Radikarls

Video: Radikarls

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